Posted on November 6, 2018, von & gespeichert unter ICAHD News, Wiederaufbaucamps.


Vom 21.10. – 31.10. 2018 trafen sich 20 Aktivisten aus 6 Ländern (England, Finnland, Deutschland, USA, Australien, Italien), um im Jordantal ein Gemeinschaftshaus mit aufzubauen und in der Nähe von Nablus bei der Olivenernte zu helfen, letzteres auch als Schutz gegen aggressive Siedler.

 

Bau eines Gemeinschaftszentrums im Jordantal

ICAHD hatte Spenden eingeworben, um ein Gemeinschaftszentrum im nördlichen Jordantal (im Dorf Bardala) zu bauen. Es gab auch eine „Buy a Brick“- Kampagne, denn es mussten im Voraus sehr viele Lehmziegel hergestellt werden, ein sehr natürliches und umweltfreundliches Material. Natürlich gab es palästinensische Helfer und Handwerker vor Ort wie Walid, der schon ein ähnliches Zentrum im südlichen Jordantal gebaut hatte, auch aus Naturbaustoffen. Das Zentrum soll als Treffpunkt für diverse Gruppen dienen: für Hirten/Bauern, die durch die israelische Besatzung immer mehr Einschränkungen hinnehmen müssen, oder für Frauen, die einen eigenen Treffpunkt brauchen. Weiterhin soll es auch als Kindergarten genutzt werden können.

Die Lehmziegel, die in Bardala produziert wurden, werden abgeladen

Wir waren drei Tage vor Ort und haben folgendes erreicht: Zuerst wurde ein Fundament gegraben und gelegt, d.h. es wurde ein Graben ausgehoben, mit Steinen gefüllt, die mit Mörtel gefestigt wurden. Danach ging es los mit dem Mauern. Die Lehmziegel mussten von der Produktionsstätte im Ort geholt und abgeladen werden, dann gingen wir daran, einen Naturmörtel aus feinem (gesiebten) Sand und Wasser herzustellen, mit dessen Hilfe dann die Lehmziegel gelegt wurden.

Am wunderbarsten war dabei die Zusammenarbeit mit so vielen Internationalen, die uns über alle Unannehmlichkeiten hinwegsehen ließ: Matratzenlager, für die Männer z.T. im Freien bei leichtem Nieselregen, zuerst nur 1 Toilette und erst am 2. Tag eine Dusche für 20 Personen. Aktivist_innen aus England, Finnland, den USA, Australien, Italien und Deutschland im Alter von 20-80 Jahren fanden sich sehr schnell zu einer gut funktionierenden, interessierten und hilfsbereiten Gruppe zusammen. Neben der Freude an der Arbeit hatten wir auch die Befriedigung, etwas konkret Sinnvolles für die Palästinenser zu tun.

 

24.10. Vertreibung im Jordantal (Zone C) – eine Begegnung mit der israelischen Armee

5 internationale Aktivisten und 3 Israelis (darunter der Rabbiner Arik Ascherman) wollen 2 palästinensische Hirten und ihre Herden zu den Weideflächen begleiten, da sie schon oft von Siedlern angegriffen und von der israelischen Armee festgenommen worden waren.

Zuallererst werden wir von den Hirten zu einem reichhaltigen Frühstück eingeladen mit gebratenen Kartoffeln, Humus, Käse, Ei, Olvenöl/Zatar, Halva, Tee und Kaffee. Es berührt mich, dass diese armen Leute, deren Leben fortlaufend erschwert wird und die ja nichts haben, so gastfreundlich sind und uns wie Könige bewirten.

Wir gehen mit der Schafherde den Berg hinauf zu den Weideplätzen

Bis 1967 hatten die Bauern/Hirten oben auf den Hügeln gelebt, weil dort auch die besten Weideflächen sind, dann wurden sie hinunter ins Tal vertrieben. Jetzt gibt es dort oben einen illegalen ‚Außenposten’ und schon wurde das Gebiet zur Militärzone erklärt, die bekanntlich niemand ohne Genehmigung der Armee betreten darf.

Außenposten sind zuerst immer illegal, bekomme aber alle von der israelischen Regierung Strom, Wasser, eine Zufahrtsstraße und Sicherheit geliefert, d.h. die Armee ist präsent. Da diese Außenposten wie die Siedlungen auf palästinensischem Land errichtet wurden, gibt es dann erst einmal einen Kampf vor Gericht, der nur in den seltensten Fällen zugunsten der Palästinenser ausgeht. Irgendwann wird aus dem illegalen Außenposten dann einen ganz offizielle Siedlung.

Nach dem Frühstück laufen wir mit der Schafherde und den Hirten langsam bergan, die Tiere wissen wohl schon, wo sie hinsollen. Dann, bei der Überquerung der ersten Straße, sehen wir Armeefahrzeuge, also wissen die auch schon, dass wir kommen, und siehe da, als wir die nächste Straße erreicht haben, hinter der die Weideflächen liegen, ist eine Armeepatrouille da mit drei Soldatinnen und einem Unteroffizier.

Rabbi Arik Ascherman (links) und ein israelische Aktivist dikutieren mit der IDF

Wegen des Außenpostens hat die Armee das Gebiet zur ‚militärischen Sperrzone’ erklärt (ein typisches Mittel um Palästinenser fernzuhalten und Land zu requirieren), die Straße und jeweils 100 m links und rechts davon, sind jedoch davon ausgenommen. Also gibt es zwischen den Israelis (Arik und Guy) und den Soldaten einen Disput darüber, wo wir hingehen dürfen. Guy ist wütend und schreit die Soldatinnen an: „Ihr seid nicht meine Armee, Ihr seid die Armee der Siedler, die beschützt Ihr! Ihr solltet Euch schämen!“ Die Karten, die die Patrouille hat, sind aber unlesbar und die Soldaten müssen sich dann beim Armeeposten telefonisch vergewissern, wie die Situation ist. Dann aber wollen sie Autorität zeigen und kontrollieren erst einmal die Pässe der Hirten und wollen auch uns kontrollieren, wir aber laufen auf Ariks Anweisung schnell den Berg hinunter und hören nicht auf „Stop, can’t you hear?!“ Da die Armee keine Israelis festnehmen darf, rufen sie die Polizei. Arik und Guy werden noch einige Zeit festgehalten, kommen dann aber frei, während wir schon längst wieder bei den Bauern/Hirten sind. Ich will ihnen für Tierfutter und Wasser (sie zahlen 25 Schekel = 6 Euro pro Kubikmeter statt 5 Schekel) eine Geldspende geben, aber sie lehnen das strikt ab. Das Jordantal ist gut mit Wasser versorgt, aber die Kontrolle darüber liegt bei der israelischen Behörde ‚Mechorot’ und die Israelischen Tiefbohrungen haben die alten palästinensischen Brunnen versiegen lassen. Palästinenser dürfen ohne Genehmigung (die sie in der Regel nicht bekommen) keinen Brunnen bohren, keine Wasserleitung legen und nicht einmal eine Zisterne anlegen. So müssen die Hirten Wasser für sich und die Tiere teuer kaufen und in Tankwagen heranbringen lassen.

 

Olivenpflücken in der Westbank

25.10. Das palästinensische Dorf Burin südlich von Nablus ist mehrere Tausend Jahre alt und hat 3000 Einwohner. Mittlerweile gibt es zwei israelische Siedlungen in der Nähe und einen illegalen ‚Außenposten’ (der Beginn einer Siedlung), auf dem die ‚Hügeljugend’ aktiv ist und die machen den palästinensischen ‚Ureinwohnern’ das Leben schwer: verbale Bedrohungen, physische Gewalt, Auto anzünden, Scheiben einschlagen, und vor allem: Olivenbäume anzünden, ausreißen oder vergiften. 16 000 Olivenbäume sind es bisher, in diesem Jahr (2018) waren es schon 800.

Mehrere israelische und internationale Organisationen wie z.B. Arik Aschermans Thora Tsedek (Thora Gerechtigkeit, früher: Rabbiner für Menschenrechte) vermitteln Aktivisten, die zum Schutz bei der Olivenernte helfen und auch sonst dabei sind. Eine Aktivistin aus GB erzählte, dass, als neulich wieder die Siedler kamen, die israelische Armee gerufen wurde. Die vertrieb aber nicht die Siedler vom palästinensischen Land, sondern sagte den Palästinensern, die Situation sei jetzt so aufgeheizt, sie sollten lieber gehen (!). Ein Soldat sagte sogar, „geht doch in die USA, hier habt Ihr doch nur Probleme“.

Mittagspause bei der Olivenernte beim Dorf Burin, südlich von Nablus

Das Pflücken von Oliven ist eine befriedigende und fast meditative Arbeit. Man ist mit anderen Menschen zusammen, kann sich austauschen, und dann gibt es immer irgendwann ein palästinensisches Picknick mit Fladenbrot, Öl und Zatar (Gewürz), Eiern, Tomaten, Gurken, Hummus und Joghurt, sowie Babaganusch (Auberginencreme) oder Bohnen.

Die letzten 5 Jahre waren zu trocken und so kommt es auch dieses Jahr zu einer mageren Ernte, was dazu führte, dass wir nach dem Einfüllen der Oliven in Säcke den Boden nach heruntergefallenen und versteckten Oliven absuchten, was sonst nicht gemacht wird. Einmal regnete es nachts sehr stark und so konnten wir am nächsten Tag nicht pflücken da der Boden so aufgeweicht war, eine gute Gelegenheit einen Bus zu mieten und Nablus kennenzulernen.

 

28.10. Mit Breaking the Silence in Hebron

Hebron ist eine der 4 heiligen jüdischen Städte (neben Jerusalem, Safed und Tiberias) und es haben hier immer auch Juden gewohnt, die mit ihren arabischen Nachbarn gut zurechtkamen. Diese Juden lehnten den Zionismus ab und waren empört, als die ersten Zionisten gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Hebron kamen. Mit der Zunahme der Zuwanderung kam es zu Zeiten des britischen Mandats zu Aufständen gegen die Jucen und 1929 wurden 129 Juden in Palästina von Arabern getötet, 67 davon in Hebron. Dort wurden aber auch viele jüdische Familien von ihren arabischen Nachbarn versteckt und so geschützt. Die britische Mandatsverwaltung hat daraufhin alle Juden aus Hebron evakuiert und in andere Städte verwiesen. Es gab dann bis 1968 keine Juden in Hebron. Beim 6-Tage-Krieg wurde auch Hebron erobert und schon im nächsten Jahr bekam eine Gruppe religiöser Juden die Genehmigung, dort das Passahfest zu feiern. Sie blieben einfach dort, setzten sich fest und wurden der israelischen Regierung darin unterstützt. Das widerspricht zwar Art. 4 der Genfer Konvention (Verbot des Transfers von eigener Bevölkerung in besetzte Gebiete), aber das hat bis heute niemanden wirklich geschert.

Mit unserem ‚Guide‘ von „Breaking the Silence“ in Hebron

Die Zahl der Siedler ist heute auf 800 angewachsen, die im Zentrum der größten palästinensischen Stadt (200 000 Einwohner) wohnen und von ca. 700 Soldaten der israelischen Armee geschützt werden. Arafat und Netanjahu hatten sich 1997 darauf geeinigt, dass Israel das Gebiet H1 (= 20% von Hebron), in dem die Siedler wohnen kontrolliert. Dort leben aber auch 20 000 Palästinenser, die dort z.B. nicht mit dem Auto hineinfahren dürfen. Was das für das Tragen schwerer Gegenstände oder von Kranken, die zum Hospital müssen, bedeutet, brauche ich nicht zu sagen.

In Hebron liegt das ‚Grab der Patriarchen’ (Abraham und Söhne), das von beiden Religionen verehrt wird und daher gab und gibt es dort eine Synagoge und eine Moschee. 1994 ging der aus den USA stammende Baruch Goldstein mit einem Gewehr in die Moschee, erschoss 29 betende Moslems und verletzte über 100. Dann hatte sein Gewehr Ladehemmung und er wurde von den Überlebenden getötet. Die Reaktion der Armee war ein Ausgangsverbot für Palästinenser (!) und die Schließung palästinensischer Läden im Stadtzentrum, vor allem in der Shuhada-Straße. (Begründung: Angst vor Vergeltung). Seitdem ist die Hauptstraße im Zentrum dieser palästinensischen Großstadt für Palästinenser gesperrt, die Metalltüren der Läden wurden verschweißt, die Bewohner der Häuser können nur über Hintereingänge oder Dächer des Nachbarn nach draußen gelangen.

Da die Schließung der Shuhada-Str. kein Teil des Abkommens zwischen Israelis und Palästinensern war, sondern eine Entscheidung der Armee, haben die Anwohner dagegen geklagt. Das Verhalten der Armee verdient dabei besondere Beachtung: Die erste Reaktion war: sie würden prüfen, ob die Shuhada-Straße gesperrt ist (!!), dann behaupteten sie, sie sei gar nicht gesperrt und öffnete sie für 3 Tage, während der die Palästinenser, die die Straße betreten wollten, nachweisen mussten, dass sie dort wohnten ehe sie gründlich durchsucht wurden. Das ging mehrere Male so, nach einigen Wochen öffnete die Armee die Straße für 3 Tage etc. Nach 6 Jahren Anfechtung sagte die Armee, es sei ein Versehen gewesen, die Straße zu schließen. Nichts hat sich geändert.

Schuhada-Straße – für Palästinenser verboten

Israelische Staatsbürger dürfen seit der 2. Intifada die A-Zone (palästinensische Städte), im Falle Hebron die Zone H1, nicht betreten, Ausnahme: die Siedler von Hebron. Etwa alle 14 Tage machen sie am heiligen Sabbat, an dem Juden so etwas nicht tun sollten, einen 2-Stunden-Marsch durch die Altstadt von Hebron, von Soldaten begleitet, um ihre historischen Ansprüche auf dieses Gebiet zu unterstreichen.

Die Armee unternimmt regelmäßige Patrouillen in die Häuser von völlig unschuldigen palästinensischen Familien mit dem Ziel: „Lasst sie unsere Präsenz spüren“ und „schüchtert sie ein“, „sie sollen sich fürchten“. Alle Soldaten lernen das. Oft geschieht es nachts und die Familie wird aus den Betten geholt und muss sich in einem Raum versammeln. Dann werden Schränke und Schubladen aufgerissen und Sachen herausgeholt und auf den Boden geworfen, Betten etc. durchwühlt und wenn etwas kaputt geht, macht das nichts. Es kommt auch vor das Soldaten etwas ‚mitgehen’ lassen, was natürlich gegen die Armeeregeln verstößt. Für eine Übung wird auch das obere Geschoss geräumt und dort oder auf dem Dach ein Wachtposten eingerichtet (straw widow) und die Familie im unteren Geschoss solange eingesperrt. Wie lange so etwas dauert, wird nicht gesagt.

Jede Woche werden Proteste mit Blend- und Schall- sowie Gasgranaten bekämpft, manchmal auch mit gummiummantelten Geschossen oder echter Munition.

Soldaten dürfen keine Siedler festnehmen, das darf nur die Polizei. Die Siedler wissen das und benehmen sich entsprechend. Siedlergewalt bleibt in der Regel straflos. In Hebron haben Siedler die Läden von Palästinensern in einer Straße zerstört und die aufgestellten Kameras hatten es aufgenommen. Daraufhin ist ein Siedler in den Kontrollraum gegangen, hat das Speichermedium für die Aufnahmen zerstört und gefordert, dass die Kameras, die in Richtung Siedlung gerichtet sind, abgebaut werden oder in die andere Richtung gedreht werden. Seiner Forderung wurde nachgegeben! Pro Jahr werden höchstens 4-5 Israelis wegen Gewalttaten gegen Palästinenser festgenommen, aber Hunderte von Palästinensern wegen Steinewerfens oder vermeintlichen Steinewerfens. Manchmal gibt es auch Administrativhaft, also Inhaftierung ohne Anklage und Urteil, eine beliebte Praxis um vermeintliche Unruhestifter mundtot zu machen.